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Interview mit Bruno Nagel



INTERVIEW MIT BRUNO NAGEL

Frage: Unser Thema ist "Sprachkunst im öffentlichen Raum" - Würden Sie sich als "Sprachkünstler" bezeichnen?

Ich arbeite in verschiedenen Disziplinen - von daher ist die allgemeinere Bezeichnung "Künstler" wohl eher angebracht.

Frage: Wie würden Sie Ihr künstlerisches Selbstverständnis beschreiben?

Formal als eine ästhetische Bereicherung des zu bespielenden Raumes (Raum/Zeit). Inhaltlich als einen Vorgang, eine Handlung, ein Bewusstwerden der Zusammenhänge von Welt und Ich (Welt/Ich). Ursprünglich ist es der Glaube, in jedem Ding etwas Wesenhaftes zu erkennen. Das erstere spiegelt die Vergangenheit, das zweite die Gegenwart, und der dritte Aspekt die Zukunft.

Frage: Was ist "Sprachkunst"?

Kunst, die sich ihre Aussage primär mit den Mitteln Wort und/oder Text erarbeitet.

Frage: Fällt "Sprachkunst" in den Bereich der Germanistik oder der Kunst?

Das ist ein bisschen wie Marmorkuchen: Die Schokolade ist die Germanistik. Die einen tun etwas mehr Schokolade rein, die anderen etwas weniger.

Frage: Welche (wissenschaftlichen) Dimensionen sind noch im Konzept enthalten oder relevant?

Auf jeden Fall die Philosophie.

Frage: Uns geht es als Germanisten natürlich vorrangig um die Bedeutung der Sprache. Beim vorliegenden Gegenstand kommen nun im Vergleich zum 'klassischen künstlerischen Umgang mit Sprache' (also etwa Buch als Leitmedium etc...) zusätzliche Kategorien hinzu, und zwar in der Konzeption/Realisation/Produktion ebenso wie in der Rezeption/Analyse... Ich meine hiermit Dimensionen wie die Materialität/Medialität und Präsentation, oder auch so etwas wie die Verbindung und daraus resultierende Wechselbeziehung, die Sprache dabei mit anderen Kommunikationsebenen/-kanälen (z.B. Bild, Ton) eingeht...
Wie schätzen Sie dies ein?

Für uns Menschen bedeutet Mehrdimensionalität flexiblere Kommunikation. Mehr Ausdrucksmöglichkeiten, die wiederum zu einer komplexeren Lebensweise führen. Erweitertes Bewusstsein - die Aussage als Ausdehnung. Zusammenhänge sind als solche immer gegeben. Durch das Aufkommen neuer Medien (z.B. im Rahmen des Internet) spiegeln wir unser eigenes Ich in Maschinen und erfahren plötzlich, wie komplex und schnell das Leben sein kann. Es öffnet unseren Erfahrungshorizont um ein Vielfaches. Parallel dazu müssen wir das schon vorhandene Wissen prüfen. Auf die Sprache bezogen bedeutet dass - wie auch im biologischen Sinne - eine Renaturierung und eine Verfeinerung der Verhältnisse.

Frage: Werden in Ihrer Arbeit solche Aspekte thematisiert?

Auf jeden Fall. Das einzelne Wort bekommt dabei genausoviel Präsenz wie ein Satz oder eine Abhandlung. Es geht darum, die Worte immer wieder auf ihre Qualität hin zu prüfen und ihre Wesenhaftigkeit aufzuspüren. Woher sie kommen, was sie wollen, wohin sie uns führen, und was sie uns zu sagen haben!

Frage: Worin liegen in Ihrer Arbeit die außersprachlichen Inspirationsquellen?

Im Erleben musisch-sinnlicher und visueller Handlungsräume. Das kann was ganz Banales sein - aber auch ein tiefergehendes Gefühl. Die Bandbreite ist da völlig offen.

Frage: Bleibt für das Konzept "Sprachkunst im öffentlichen Raum" noch die Dimension des Raumes...

Also im Normalfall sind die Konzepte ja nur Interventionen und keine Raumverhüllungen. Sie verbauen keinen Raum. Sie geben ihm Inhalt und machen ihn so interessanter. Aber sie lenken auch vom Raum ab. Ganz bestimmt. In gewisser Weise stehen sie auch in Konkurrenz zum Raum.

Frage: Wie verhält es sich damit?

Unendlich.

Frage: Nun kommen wir zum Thema Öffentlichkeit... Welche Bedeutung haben Aspekte wie Gesellschaftskritik oder Globalisierung in Bezug auf das Konzept?

In meinen Konzepten thematisiere ich das nicht auf sichtbare Weise. Meine Arbeiten und meine Vorgehensweise nehmen ganz stark das Element der Poesie auf und binden Begriffe wie Globalisierung oder Gesellschaftskritik mit ein. Ich hebe aber nicht den Zeigefinger. Ich zeige nur anhand meiner Ausführungen, wie man bestimmte Sicht- und Seinsweisen, Handlungsvorgänge aufnimmt und anhand seines Denk- und Erfahrungsapparats das Leben mit eigenen Händen sichtbar gestaltet. Dabei spielt der Augenblick eine große Rolle, der den Zeit/Raum-Aspekt gerade in Bezug auf die Globalisierung verdeutlicht.

Frage: Welche Bedeutung hat der virtuelle Raum?
Und welche Definition von virtuellem Raum legen Sie dabei zugrunde?

Das ist ein interessanter Aspekt, der sich aber nicht so einfach klären lässt. Der virtuelle Raum - so möchte ich antworten - ist der Versuch, Schwerelosigkeit zu visualisieren. Es ist spannend zu sehen, wie der Mensch zur selben Zeit Maschinen baut, um in den Weltraum zu jetten, und dann versucht, diese Schwerelosigkeit auf der Erde durch eine andere Maschine visuell wiederzugeben. In einem gewissermaßen unendlichen Raum. Das hat auch was ganz Augenblickliches. Virtueller Raum ermöglicht dem Menschen die von ihm erfundenen Maschinen zu steuern und darüberhinaus, sein Selbstverständnis von Körpern zu erweitern und zu verfeinern.

Frage: Gibt es Bezugspunkte zwischen "Sprachkunst" und "Netzkunst"?

Ja: Das Wort KUNST.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft von Sprache, Kommunikation und Kunst?

Zukunft ist gleich Glaube. Ich glaube, dass die Aufgaben die selben bleiben: Kommunikation/Körper, Sprache/Geist, Kunst/Seele. Das ist so eine Art Bürogemeinschaft, vielmehr Partnerschaft, und im Zusammenspiel der Kräfte und mit viel Ausdauer werden die Eigenschaften und Temperamente jedes Einzelnen ständig neu gefordert, geformt, stabilisiert und hoffentlich sensibilisiert für die ständige Erneuerung unseres Erdenlebens. Weiter atmen wird die Devise sein!

Frage: Planen Sie zur Zeit künstlerische Konzepte oder Projekte?

Es gibt in Kürze einen Webblog, der mir dazu dient, meine Gedanken, visuelle Eindrücke meines Alltags, Ideen, Skizzen, Notizen, und Abhandlungen ins Nezt zu stellen. Die nächste größere Aufgabe wird der Einbezug anderer Sprachen sein. Durch die Globalisierung hat sich das Berufsleben verändert. Es kommt immer mehr zu einer Mischform von Sprachen. Völkerwanderungen, Migration. Dazu kommt die Maschinensprache HTML, Abkürzungen, Codes usw.
Dies muss alles miteinbezogen werden. Sprache wird komplexer, aber auch spielerischer und flexibler.


Frage: Haben wir wichtige Aspekte für den Kontext vergessen?

Ungewollte Kunst, Maschinensprache, andere Sprachen. 'Sprache meets Produktdesign' (Flugzeuge, Eisenbahnen, Fahrkarten Alltagsgegenstände). Wer oder was kann Sprache transportieren?

Herr Nagel, ich bedanke mich - auch im Namen des Seminars - für das  anregende Gespräch.


Das Interview führte Steffen Dittmar