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Jenny Holzer: Truismus

Rolf Eusterschulte: Typoscape

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"Typoscape", Beschreibung

Die interaktive Installation Typoscape von Rolf Eusterschulte wurde erstmals im Sommer 2002 im Foyer des Kasseler Schauspielhauses gezeigt. Sie bestand aus fünf Lautsprechern, die auf hüfthohen Sockeln standen und eine Fläche markierten, das sogenannte Tracking-Feld. Aus den Lautsprechern waren leise Geräusche zu hören, die lauter wurden, wenn sich ein Betrachter näherte. Was man hören konnte, waren Landschaftsbeschreibungen, die Freunde des Grafikers verfasst hatten. An einem Ende des Tracking-Feldes stand eine semitransparente Projektionsfläche, auf der sich verschiedenfarbige Schriftbänder und Textflächen bewegten, sich überlagerten, sich kreuzten, parallel nebeneinander liefen, sich wieder trennten und kaleidoskopisch in einander übergingen, so dass ein fragiler Eindruck von Räumlichkeit entstand.


TyposcapeTyposcape (2003)/Standbild

Erst nach einer Weile des Betrachtens und Ausprobierens wurde deutlich, wie diese Bilder erzeugt wurden: Über dem Tracking-Feld hing ein Bewegungsmelder, der die Bewegung des Betrachters, der von Lautsprecher zu Lautsprecher ging und dabei versuchte, die vorgetragenen Texte zu verstehen, registrierte. Ein (Computer-) Programm wählte für die Projektion jeweils die Texte aus, deren Vortrag am lautesten aus den Lautsprechern erklang, und transformierte außerdem in Echtzeit die menschliche Bewegung in eine entsprechende Bewegung der Schrift. Mit zunehmender Anzahl der Betrachter, die sich in der Installation bewegten, wurde die Projektion durch Überlagerungen komplexer, so dass das Entziffern der Schrift, durch die Bewegung ohnehin erschwert, unmöglich wurde. Verließ der letzte Betrachter das Feld, wurde die Projektion angehalten. Was der Betrachter durch seine Anwesenheit und Bewegung erzeugte, war nicht etwa Buchstabensalat, sondern vielmehr eine fließende Schrift- bzw. Typenlandschaft, wie bereits der Titel nahelegt. Folglich korrelierte die Präsentationsform der Texte mit ihrem Inhalt.

Leicht modifiziert wurde die Arbeit 2003 im Metahaus (Berlin) gezeigt. Aufgrund der veränderten Raumsituation gab es vier Projektionsflächen und zwei Tracking-Felder. Zudem waren zwei entscheidende Veränderungen vorgenommen worden: es fehlten die Lautsprecher, aus denen die Lesung von Texten erklang; stattdessen war minimalistische Musik zu hören, die entfernt an den Soundtrack eines Science Fiction Movies erinnerte. Die zweite Veränderung betraf die zugrundeliegenden Texte: für die Projektion wurden statt der Landschaftsbeschreibungen Textauszüge aus Stanislaw Lems Roman Solaris (1961) verwendet, die den Ozean beschreiben.


TyposcapeTyposcape (2003)/Standbild

Typoscape bezeichnet die vage Grenze, an der Schrift als solche noch zu erkennen aber nicht mehr lesbar ist. Es sind lediglich Textfragmente wahrzunehmen, und der Betrachter scheitert in seinem Bemühen, einzelne Worte zu entziffern, zwangsläufig daran, dass sich die Schrift genau dem entzieht. Im Spiel des Mediendesigners mit der Schrift verliert diese ihre Funktion; es ist kaum möglich, ihr (oder auch den sich überlagernden Lauten der vorgelesenen Texte) eine Bedeutung zu entnehmen. Der gewohnte Kurzschluss zwischen Zeichen und Bezeichnetem wird nachhaltig gestört und die Aufmerksamkeit auf den nach sprachwissenschaftlichen Kriterien nichtigsten Aspekt von Schrift gelenkt: ihre Form. Typoscape scheint nicht nur zu fragen, ob ein ästhetisches Empfinden von Schrift erst in dem Moment möglich wird, wenn sie losgelöst von ihrer symbolischen Funktion wahrgenommen wird, sondern gleichsam die 'Idee einer graphischen Textur', die die 'Gewaltsamkeit der Schrift' (Barthes 1983, S. 14) auflöst, aufzuwerfen. Sowohl Text als auch Textur stammen vom lateinischen Verb texere, was flechten oder weben bedeutet, ganz offensichtlich ist diese Herkunft im Wort Textil. Text bezieht sich also metaphorisch auf sprachliche Einheiten aus nach bestimmten Relationen miteinander verknüpften Sätzen, die miteinander verbundene Sachverhalte darstellen.

Die Projektion evoziert ein Bild dieser stofflichen Eigenschaft von Text; wahrgenommen wird die schillernde Oberfläche eines Geflechts aus Wörtern, deren Verbundenheit durch sprachliche Logik der Betrachter nicht nachvollziehen kann; zu sehen ist nur die Zusammenstellung von Typen. In diesem Zusammenhang gewinnt auch die Verwendung der Beschreibung des Ozeans eine besondere Bedeutung: die Oberfläche des Meeres ist, ebenso wie die Typenlandschaft von Typoscape, ständig in Bewegung, ein niemals Gleiches, ein sich permanent Veränderndes, das die Tiefe, die sich darunter verbirgt, nur ahnen lässt.

'Der Mensch kann so wenige Sachen zugleich erfassen; wir sehen nur, was sich vor uns abspielt, hier und jetzt; die Vergegenwärtigung einer simultanen Vielheit von Prozessen, selbst wenn sie miteinander zusammenhängen, selbst wenn sie einander ergänzen, geht über menschliche Möglichkeiten hinaus. Wir erfahren dies sogar angesichts relativ einfacher Phänomene. Um hier irgend etwas wirklich zu sehen, müßte man weglaufen, in irgendeine ungeheure Ferne zurücktreten - aber in der Symmetriade ist ja alles Innenraum, Vermehrung, die Lawinen von Geburten auswirft, unaufhörliche Gestaltung, wobei die Gestaltung zugleich das Gestaltende ist'. (Lem Solaris)

Die Schriftfragmente der Projektion erscheinen als 'nutzlose Splitter', die das 'aktive Sein der Schrift, das Gewebe ihrer Motivationen' auflösen (Barthes 1983, S. 12). In seinem Wunsch zu verstehen wird der Betrachter zum Mittäter an diesem Prozess, zum eigentlichen Schriftzerstörer. Dieser paradoxe Vorgang hat den Anschein einer Eigendynamik, die Schrift scheint sich selbständig aus ihrer Bestimmung innerhalb der Semiotik zu lösen und ist als Gestaltung zugleich Gestaltendes. So generiert sie ihre eigene Überflüssigkeit, und man könnte mit Barthes fragen: 'Beginnt nicht an dieser äußersten Grenze wahrhaft die Kunst [...]?' (Barthes 1983, S. 12).




Literaturverzeichnis

Barthes, Roland 1983: Cy Twombly. Berlin.

Lem, Stanislaw 1975: Solaris. Frankfurt am Main.





Autor: Michael Roos 2005




Der besondere Dank des Autors gilt Rolf Eusterschulte für das zur Verfügung gestellte Bildmaterial.
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Zur weiteren Lektüre empfehlen wir die Analyse von 'Typoscape' unter Berücksichtigung verschiedener Kommunikations- und Zeichenmodelle